泣
Zeichengeschichte & Erklärung
Historisch belegt ist 泣 seit der Han-Dynastie (206 v. Chr.–220 n. Chr.) in klassischen Texten wie den ‚Gedichten vom Buch der Lieder‘ (Shījīng) und späteren historiographischen Werken. Es erscheint häufig in Passagen über Trauer um verstorbene Kaiser, verlorene Heimat oder unglückliche Liebe – etwa in Du Fu’s Gedichten, wo es stilistisch kontrastiert zu ruhigeren Emotionsausdrücken steht. In der modernen Sprache lebt es vor allem in Redewendungen wie 泣不成声 („so sehr weinen, dass man nicht mehr sprechen kann“) fort.
Die Schriftform ist kein Piktogramm, sondern ein phono-semantisches Zeichen: Der linke Teil 氵 (Wasser) deutet auf Tränen hin, der rechte Teil 契 (qì) liefert den Lautwert. 契 selbst bedeutet ursprünglich ‚vertraglich vereinbaren‘ oder ‚einschneiden‘, hat aber hier rein phonetische Funktion. Die Form blieb seit der Kleinen Siegelschrift (Xiǎozhuàn) weitgehend stabil.
Das Zeichen 泣 (qì) gehört zur Gruppe der semantisch-phonetischen Komposita und besteht aus dem Wasser-Radikal 氵 links sowie dem phonetischen Bestandteil 契 (qì) rechts. Das Radikal 氵 signalisiert eine Beziehung zu Flüssigkeit – hier konkret zu Tränen –, was die Bedeutung ‚weinen, schluchzen‘ stützt. Es ist kein Piktogramm, sondern ein entwickeltes Zeichen aus der Zhou-Zeit, das in frühen Bronzeinschriften noch nicht belegt ist, aber seit der Han-Dynastie regelmäßig in literarischen Texten vorkommt.
Die Aussprache qì ist tonal festgelegt: dritter Ton, fallend-steigend. Sie unterscheidet sich klar von ähnlichen Lauten wie qī (erster Ton, z. B. 期) oder qǐ (dritter Ton, aber anderer Stamm, z. B. 起). Die Strichfolge folgt strengen Regeln: zuerst die drei Wasserstriche links (點、點、提), dann die sechs Striche des rechten Teils in der Reihenfolge 横、竖、横折、横、横、竖钩. Fehler in der Strichreihenfolge beeinträchtigen Lesbarkeit und Schreibfluss.
Im modernen Chinesisch wird 泣 vorwiegend in gehobener Sprache, Literatur und festen Ausdrücken verwendet – selten im gesprochenen Alltagschinesisch, wo 玩 (wān) oder 哭 (kū) dominieren. Es vermittelt eine emotionale Intensität, oft verbunden mit Verzweiflung, Trauer oder Rührung. Seine Verwendung unterstreicht stilistische Feinheit und kulturelle Nuancierung, weshalb es im HSK-Stufenplan erst auf Level 6 erscheint – als Zeichen für fortgeschrittene sprachliche Sensibilität.
Beispielsätze
Zusammengesetzte Wörter
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